Woche der Armut - Aktion der LIGA im Main-Tauber-Kreis

„Quo vadis BaWÜ?“ – Gemeinsam gegen Armut und soziale Ungleichheit

Zum Ende der offiziellen Woche der Armut fand am vergangenen Freitag auf dem Marktplatz in Bad Mergentheim eine Aktion der LIGA der freien Wohlfahrtspflege Main-Tauber-Kreis statt. Die LIGA, bestehend aus Caritas Heilbronn-Franken/Caritasverband Tauberkreis, der Diakonie, dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und dem PARITÄTISCHEN Main-Tauber-Kreis, machte dabei auf soziale Ungleichheit und die Lebensrealitäten vieler Menschen aufmerksam. Zeitgleich fand auf dem Marktplatz in Tauberbischofsheim eine ähnliche Aktion statt.

Im Mittelpunkt stand die Frage „Quo vadis BaWÜ? – Zukunft von Sozialpolitik und Armutsbekämpfung im Land und vor Ort“. Wie soll es weitergehen? Welche Herausforderungen kommen auf uns zu und wie können Politik, Kommunen und soziale Einrichtungen gemeinsam Lösungen finden?

Werner Fritz, Einrichtungsleiter der Jugendhilfe Creglingen und Vorsitzender der LIGA Main-Tauber-Kreis, begrüßte die Anwesenden und stellte die Schwerpunktthemen der diesjährigen Aktion vor: gesellschaftlicher Zusammenhalt, soziale Infrastruktur, Wohnen, Bildung sowie Gesundheit und Einsamkeit.

Alle vor Ort vertretenen Träger setzen sich in diesen Bereichen ein – sei es durch konkrete Hilfe, Beratung oder anderweitige Unterstützung. Die Woche der Armut soll darauf aufmerksam machen, dass Armut kein Problem großer Städte ist, sondern auch in unserer ländlich geprägten Region eine Rolle spielt. Krankheit kann ein großes Armutsrisiko darstellen und einen Kreislauf in Gang setzen, aus dem Betroffene nur schwer wieder herausfinden. Denn Menschen in Armut haben eine deutlich geringere Lebenserwartung als wohlhabendere Menschen. Von Armut und Obdachlosigkeit sind heute zudem auch jüngere Menschen sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen betroffen. Gleichzeitig hat sich die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren deutlich vergrößert.

Wie sich Armut ganz konkret auf den Einkauf und die täglichen Lebenshaltungskosten auswirkt, veranschaulichten die Beratungsstellen der Diakonie mit einem „Armutsbingo“ und einem Einkaufskorb, für dessen Inhalt lediglich 6,50 Euro pro Tag zur Verfügung standen. Dieser Betrag entspricht dem täglichen Regelsatzanteil für entsprechende Ausgaben bei vielen Sozialleistungen.

Gemeinsam über die Zukunft der Sozialpolitik diskutieren

Für ein Statement zur Frage „Quo vadis – wie soll es mit der Sozialpolitik weitergehen?“ waren neben den Mitarbeitenden der Sozialverbände auch der Oberbürgermeister der Stadt Bad Mergentheim, Udo Glatthaar, Frau Schroeder (Fachbereichsleiterin Ordnung und Soziales, Stadt Bad Mergentheim), Frau Lux (Sachgebietsleiterin Ausländer- und Sozialamt, Stadt Bad Mergentheim), Gerd Bayer (Landtagsabgeordneter, Die Grünen), Rainer Moritz (Stadtrat, Die Grünen), der katholische Dekan Bogdan Stolarczyk sowie Martin Frankenstein (Leiter des Jugendamtes Main-Tauber-Kreis) gekommen. Auch interessierte Bürgerinnen und Bürger konnten ihre Fragen stellen und sich an der Diskussion beteiligen.

Oberbürgermeister Glatthaar dankte allen beteiligten Institutionen für ihren Einsatz im haupt- und ehrenamtlichen Bereich. Eine wichtige Frage sei für ihn, wie die Versorgung im Gesundheitssystem künftig gut gewährleistet werden könne. Dies sei auch für Bad Mergentheim als Kurstadt ein relevantes Thema. Er sei froh, dass man noch weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt sei. Gleichzeitig beschäftigten ihn die anstehenden Veränderungen in der Pflege und die Frage, wie die finanziellen Mittel künftig verteilt werden.

Besonders wichtig sei es ihm, Menschen durch Bildung, geeignete Strukturen und Förderung aus der Armut herauszuhelfen. Er freue sich, dass alle Anwesenden an einem Strang zögen und gemeinsam gegen Armut vorgehen wollten.

Die Stadt Bad Mergentheim hat vor Kurzem eine Wohnrauminitiative gegründet. Hausbesitzer, die eine leerstehende Wohnung zur Verfügung stellen können, haben die Möglichkeit, sich bei der Stadt zu melden. In Kooperation mit Caritas und Diakonie wird dann versucht, einen geeigneten Mieter zu finden.

Darüber hinaus sei es dem Oberbürgermeister wichtig, die Gesellschaft stärker miteinander zu vernetzen. Mit Angeboten wie dem Familienzentrum, der Nachbarschaftshilfe und dem Arbeitskreis Asyl gebe es in der Stadt bereits gute Strukturen. Er regte deshalb ein gemeinsames Treffen aller Sozialträger mit der Stadtverwaltung an, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erarbeiten und gemeinsam auf die Sorgen und Nöte der Menschen zu schauen. Auch die Auswirkungen gesetzlicher Änderungen könnten dabei gemeinsam in den Blick genommen werden.

Solidarität und Eigenverantwortung gehören zusammen

Die anwesenden politischen Vertreter waren sich weitgehend einig, dass sich jeder Einzelne wieder stärker für die Gesellschaft einbringen sollte. Früher seien Menschen in Notlagen, etwa bei Krankheit oder im Alter, häufig innerhalb des Familienverbands oder der Dorfgemeinschaft aufgefangen worden. Gerd Bayer berichtete, dass dies auf landwirtschaftlichen Höfen heute vielfach noch der Fall sei.

Werner Fritz gab jedoch zu bedenken, dass solche Formen der gegenseitigen Unterstützung in vielen Fällen nicht ausreichen würden. Er sei überzeugt, dass alle Hilfsverbände das Ziel hätten, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und sich damit langfristig selbst überflüssig zu machen. Zugleich sei ihm bewusst, dass soziale Hilfen Geld kosteten. Diese Ausgaben seien jedoch gut investiert: Investitionen in Kinder und benachteiligte Menschen lohnten sich immer. Dafür benötigten die Kommunen allerdings eine ausreichende finanzielle Ausstattung, um ihrer Verantwortung gerecht werden zu können.

Gerd Bayer betonte: „Bei uns in der Gesellschaft muss ganz klar sein, dass das unantastbar ist – wenn etwas passiert, werden wir aufgefangen.“ Aus seiner Sicht könne man sich den Sozialstaat weiterhin leisten. Entscheidend sei jedoch, darauf zu achten, wie dieser auch in Zukunft finanzierbar bleibe. Auch er dankte allen Wohlfahrtsverbänden vor Ort. Die finanzielle Entlastung der Kommunen sei ihm ein wichtiges Anliegen, für das er sich auch weiterhin in Stuttgart einsetzen werde.

Martin Frankenstein, Leiter des Jugendamtes Main-Tauber-Kreis, schloss sich dem Dank an die Einrichtungen der LIGA an. Gerade in der Jugendhilfe seien Kinder häufig auch innerhalb ihrer Familien von Armut betroffen. Mit Blick auf die Zukunft äußerte er die Sorge, dass es zu Verteilungskämpfen um öffentliche Gelder kommen könnte.

Barbara Veeh vom Diakonischen Werk berichtete aus der täglichen Arbeit der Beratungsstellen, in denen zunehmend komplexe Themen und Problemlagen aufkämen. Die Mitarbeitenden gäben ihr Bestes, könnten jedoch nicht alle Herausforderungen allein bewältigen. Mit Angeboten wie der Tafel, dem Kleiderladen, dem Café Kontakt und dem Mittagstisch Plus verfüge das Diakonische Werk über ein breit aufgestelltes Unterstützungsangebot. Neben den hauptamtlichen Mitarbeitenden seien dabei zusätzlich rund 50 bis 60 Ehrenamtliche im Einsatz.

Zum Abschluss gab der Arbeitskreis Asyl auf Spendenbasis Gulaschsuppe aus. In entspannter Atmosphäre bot sich dabei die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und die Diskussionen fortzusetzen.

Die Aktion machte deutlich, dass Armutsbekämpfung eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Kommunen, sozialen Einrichtungen und der Gesellschaft ist. Damit Menschen auch künftig in schwierigen Lebenssituationen Unterstützung finden, braucht es verlässliche soziale Strukturen, ausreichend finanzielle Mittel und Menschen, die sich füreinander einsetzen.