Nähe in pädagogischen Beziehungen: Heilsam oder grenzverletzend?

Die Nachfrage zum Fachtag „Pädagogische Beziehungen“ der Jugendhilfe Creglingen war sehr groß. Die Frage nach der richtigen Nähe oder Distanz in pädagogischen Beziehungen ist vor dem Hintergrund der unzähligen Missbrauchsskandale aktueller denn je.

Ende April fand der Fachtag „Pädagogische Beziehungen“ des Main-Tauber-Instituts der Jugendhilfe Creglingen e. V. im Kursaal in Bad Mergentheim statt. Pädagogische Beziehungen bergen einerseits ein riesiges heilsames Entwicklungspotenzial für Kinder und Jugendliche, andererseits stellen sie eine Gefahr dar, wenn Pädagogen/Pädagoginnen ihr Beziehungshandeln nicht an den Bedarfen der Adressatinnen und Adressaten ausrichten, sondern pädagogische Beziehungen schlimmstenfalls zur Befriedigung eigener Bedürfnisse ausnutzen. Zu diesem Spannungsfeld referierten Prof. Dr. em. Hans Thiersch, Renate Thiersch, Dr. phil. Jan Volmer, Prof. Dr. Ulrike Schmauch und Dr. Udo Baer. Moderiert wurde der Fachtag durch Werner Fritz, Geschäftsführer der Jugendhilfe Creglingen.  

Die Tagung wurde mit dem Vortrag „Lebensweltorientierung und die Beziehungen zwischen Fachkräften und Adressaten/innen“ von Prof. em. Hans Thiersch und Renate Thiersch eröffnet. Hans Thiersch war von 1970 bis zu seiner Emeritierung 2002 Lehrstuhlinhaber für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen und gilt laut Anmoderation von Werner Fritz als „Godfather of social work“. Gemeinsam mit seiner Frau gab er eine Einführung in das von ihm entwickelte Konzept der Lebensweltorientierung und stellte im Anschluss daran grundlegende Strukturmerkmale pädagogischer Beziehungen dar. Ein beeindruckend hellsichtiger, differenzierter und dennoch ungemein lebendiger Einstieg in das Tagungsthema.

Anschließend referierte Dr. phil. Jan Volmer, Leiter des Main-Tauber-Instituts der Jugendhilfe Creglingen, über „Taktvolle Nähe – Vom Finden des angemessenen Abstands“. Er wandte sich in seinem Vortrag gegen die pauschale und einseitige Forderung nach „professioneller Distanz“ und betonte demgegenüber das Potenzial einer verantwortlichen „professionellen Nähe“: Ansonsten würden Kinder und Jugendliche doppelt „bestraft“, wenn sie erst in ihren Elternhäusern Ablehnung und Gewalt erfahren hätten und dann in den Jugendhilfeeinrichtungen auch noch angemessene Zuwendung entbehren müssten. Mit unmittelbar praxisrelevanten Schaubildern und anhand eindrücklicher Fallbeispiele illustrierte Jan Volmer, wie Nähe und Distanz im Sinne der Kinder und Jugendlichen situativ richtig ausbalanciert werden kann. 

Prof. Dr. Ulrike Schmauch beleuchtete mit dem Thema „Sexualität unter Generalverdacht? - Auf der Suche nach einer guten Balance zwischen Gewaltschutz und Sexualfreundlichkeit“ einen weiteren wichtigen Aspekt pädagogischer Beziehungen. Als Professorin für Soziale Arbeit, Sexualpädagogik und Praxisreflexion kennt sie den wissenschaftlichen Diskurs, begleitet Einrichtungen bei der Entwicklung sexualpädagogischer Konzepte und bietet Supervision für Fachkräfte an. Die Spannbreite, die sie dabei erlebt, reicht von sexualfreundlichen Konzepten, die auf Selbstbestimmung setzen, bis hin zu einer einseitigen Betonung von körperfernen Schutzkonzepten und einer großen Verunsicherung im Umgang mit der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die bereits Grenzverletzungen erlebt haben, zeige sich aber, dass eine weitere Tabuisierung von Sexualität die damit verbundene Sprachlosigkeit eher verfestigt, während ein sexualfreundliches Klima in Einrichtungen dazu beitragen kann, das Risiko sexueller Grenzverletzungen zu mindern. 

Nach der von den Gästen sehr gelobten Mittagsverpflegung konnten die Teilnehmer/innen in einem der fünf Workshops das Thema „Pädagogische Beziehungen“ in verschiedenen Bereichen vertiefen und reflektieren: Mit Dr. Udo Baer konnte „der Tanz zwischen Nähe und Distanz“ gewagt werden; Prof. Dr. Ulrike Schmauch ergänzte ihren Vortrag „Sexualität unter Generalverdacht“; Thabo Held diskutierte „Chancen und Risiken der emotionalen Beteiligung der Pädagog/innen“; Michael Ebert stellte das heilpädagogische Konzept „Der Erzieher als äußerer Halt“ dar und in dem Workshop von Jan Volmer  wurden „Stolpersteine für gelingende pädagogische Beziehungen“ ausfindig gemacht. 

Nach einem musikalischen Intermezzo von einem Jugendlichen und zwei Mitarbeitern der Jugendhilfe Creglingen e. V. hielt Dr. Udo Baer am Nachmittag den mit Spannung erwarteten letzten Vortrag der Tagung mit dem Titel „Die Würde der pädagogischen Beziehung“. Das Erleben von Würde hat nach Baer viel mit dem Erfahren von Wertschätzung zu tun. Demgegenüber gäbe es vier „Monster“ der Entwürdigung:  Die Gewalt inklusiv der sexuellen Gewalt; die Beschämung; die Erniedrigung und das „ins Leere greifen“, die Missachtung. Würde sei keine Floskel von Sonntagsreden, sondern Inhalt und Ergebnis des Prozesses, andere Menschen (und sich selbst) zu würdigen, immer und immer wieder. Ein Vortrag, der auf die Zuhörerinnen und Zuhörer merklich Eindruck hinterlassen hat. 

Sehr emotional beendet wurde der Tag mit großem Applaus und „standing ovations“ für eine Jugendliche aus einer Tagesgruppe der Jugendhilfe Creglingen, die in Begleitung von Jörg Mühleck das Lied „Der Fels ist nicht zu halten, wenn er rollt“ auf der Bühne des großen Kursaals zum Besten gab. Ein berührender Schlusspunkt einer spannenden und mit Sicherheit nachhaltig anregenden Tagung. 

Das Main-Tauber-Institut, kurz MTI, ist eine Fort- und Weiterbildungseinrichtung der Jugendhilfe Creglingen e. V. zur Professionalisierung pädagogischer und beratender Berufe, mit Sitz in Creglingen. Weitere Informationen sowie die Anmeldung zum Newsletter finden Sie auf www.main-tauber-institut.de

Das Foto zeigt von links nach rechts die Referentinnen und Referenten des Fachtages:
Werner Fritz, Michael Ebert, Dr. phil Jan Volmer, Prof. Dr. Ulrike Schmauch,, Renate Thiersch, Prof. Dr. em. Hans Thiersch, Dr. Udo Baer und Thabo Held

 

 

 

 

 

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