Der Film "Systemsprenger" und Podiumsdiskussion füllen Club W71

Club W71 und Jugendhilfe Creglingen e. V. zeigten den Film „Systemsprenger“

 

Der Club W71 in Weikersheim platzte am Wochenende aus allen Nähten, als im Rahmen des Kinomobils der Film „Systemsprenger“ gezeigt wurde. Eilig herbei geschaffte Sitzmöglickeiten reichten nicht aus, so dass einige Zuschauer den Film stehend verfolgen mussten. Erfreut zeigten sich die Veranstalter, die mit einem solchen Ansturm nicht gerechnet hatten. Die Vorführung des Filmes war eine Kooperation zwischen dem Club W71 und der Jugendhilfe Creglingen e. V., die im Anschluss an den Film eine Podiumsdiskussion organisiert hatten. Diese wurde vom Geschäftsführer der Jugendhilfe Creglingen e. V. Werner Fritz moderiert. Die Jugenhilfe Creglingen e. V. setzte an ihren Fachtag im vergangenen Jahr mit dem Thema „Systemsprenger“ an, der auf sehr großes Interesse stieß und deutlich machte, wie wichtig das Thema ist.

Die rund 70 Zuschauer verfolgten den Film, der nichts für schwache Nerven war, und hatten später die Gelegenheit bei der Podiumsdiskussion ihre Fragen zu stellen, die mit Martin Frankenstein, Amtsleiter des Jugendamtes Main-Tauber-Kreis, dem Sachgebietsleiter des Allgemeinen Sozialen Dienst Nord Thomas Sauter, Roman Hanak-Szymanski von der Diakonie-Klinik Mosbach, Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Tagesklinik Tauberbischofsheim sowie Dr. phil. Jan Volmer, Leiter des Main-Tauber-Institutes und Mitarbeiter im Fachdienst bei der Jugendhilfe Creglingen, hochkarätig besetzt war.  

Der Film „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt aus dem Jahr 2019 wurde von den Kritikern hoch gelobt und mit zahlreichen Preisen geehrt und war als deutscher Beitrag für den Auslands-Oscar nominiert. Nora Fingscheids erstem Spielfilm gingen jahrelange Recherchen voraus. Der Film über die neunjährigen Benni zeigt die Hilflosigkeit der professionellen Institutionen auf, wenn Kinder sich radikal allen Normen und Regeln der Gesellschaft widersetzen. Benni trägt so viel Wut und Energie in sich, dass sie kaum kontrollierbar ist, auch nicht mit Psychopharmaka. Durch frühkindliche Erlebnisse wurde Benni stark traumatisiert. Bei ihren unkontrollierten Wutausbrüchen verletzt sie oftmals sich oder andere schwer. Selbst die eigene Mutter hat Angst vor Benni und hat schon lange aufgegeben, so dass Benni eine jahrelange Odyssee in vielen Heimen, Pflegefamilien und Kinderpsychiatrien und den damit verbundenen ständigen Bindungsabbrüchen hinter sich hat. Dabei ist Bennis größter Wunsch, bei ihrer Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern zu leben. Doch sie hat keinen Platz bei ihrer Mutter oder überhaupt in der Gesellschaft. „Systemsprenger“ nennen Fachleute Kinder wie Benni. Für eine erneute Unterbringung Bennis bekommt die Mitarbeiterin des Jugendamtes 37 Absagen von Heimen aus dem Umland. Für eine im Raum stehende geschlossene Unterbringung und Auslandsprojekte ist Benni mit neun Jahren noch zu jung. Der Anti-Aggressionstrainer Micha wird schließlich als ihr Schulbegleiter eingesetzt. Er bietet an, mit dem Mädchen drei Wochen in den Wald zu ziehen, damit Benni zur Ruhe kommen kann. Was gut anfängt, nimmt aber im Lauf des Filmes auch kein gutes Ende, so dass die Fachleute erneut nach Lösungen für Benni suchen müssen.

Die Regisseurin arbeitet mit vielen filmischen Effekten, die z. B. Bennis unkontrollierbare Wutausbrüche mit rot gefärbtem Bildschirm, schnell zusammengeschnittenen Szenen und lauter Musik, verdeutlichen. Damit wird der Zuschauer sehr emotional angesprochen und mitgenommen. Auch die schauspielerische Leistung von Helena Zengel, die Benni mit ihrer ganzen Wut und Kraft verkörpert, ist bemerkenswert.

Nach der Filmvorführung spürte man Betroffenheit im Raum und die meisten Zuschauer blieben, um der Podiumsdiskussion zu folgen. Auch die Fachleute zeigten sich von dem Film ergriffen und brachten dies in einem kurzen Stimmungsbild zum Ausdruck. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion erläuterten viele Stellen im Film aus ihrer Sicht und das entstandene Trauma des Kindes durch z. B. frühkindliche Erfahrungen, Gewalt und sehr häufige emotionale Bindungsabbrüche. An einigen Stellen des Filmes wurde die Einsamkeit des Kindes sehr deutlich. Für manche Zuschauer war die Emotionalisierung durch die filmischen Effekte zu stark. Die Hilflosigkeit der Fachkräfte im Film mit einem solch herausfordernden Verhalten wie Bennis war aber bei allen Zuschauern spürbar gewesen.

Aus Sicht der Fachleute sei die Geschichte von Benni sehr real widergegeben worden. Der Fall sei aber sehr extrem und nicht alltäglich. Besonders die Traumatisierung des Kindes sei sehr gut dargestellt worden. Es lief aber auch sehr viel schief in den Helfersystemen. Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass Benni nur geholfen werden könne, wenn die beteiligten Fachkräfte besser zusammengearbeitet hätten. Ein solch komplexer Fall sei nicht alleine zu bewältigen, wie dies im Film gezeigt wurde und ja auch scheiterte. In solchen Fällen sei es besser, mehrere Helfer arbeiten eng zusammen und bekommen Supervision, dann wäre es evt. möglich, Benni ein langfristiges Jugendhilfeangebot zu machen. Kooperation und Vernetzung seien das A und O in solchen Fällen. Dr. Volmer: „So Kinder wie Benni muss man auf mehreren Schultern tragen“. Roman Hanak-Szymanski betonte, dass die Zusammenarbeit auch wichtig sei, um ein professionelle Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Kind und Fachkraft zu wahren. Es wurden auch alternative Hilfsangebote diskutiert, z. B. eine Erziehungsstelle, d. h. eine professionelle Pflegestelle, die sehr gut begleitet werde, aber auch eine Rückführung zur Mutter sei denkbar, wenn dies sehr eng und gut von Fachkräften begleitet werden würde. Eine geschlossene Unterbringung, wie es aus dem Publikum geraten wurde, lehnten die Fachkräfte hingegen ab. Dies sei auch keine Dauerlösung, sondern nach einer solchen Unterbringung stelle sich wieder die Frage nach langfristigen Hilfen und Benni hätte erneut einen Bindungsabbruch. Wichtig sei auch nach Meinung der Fachleute, dass Hilfen sehr frühzeitig ansetzen müssten und auch präventive Hilfen wichtig seien. Einige Zuschauer äußerten, dass man den Eindruck habe, es gebe immer mehr solche „Problemfälle“ und die Gesellschaft habe nichts, um dagegen zu wirken. Martin Frankenstein vom Jugendamt sieht Ursachen in den veränderten Bedingungen und der Veränderung der familiären Strukturen in unserer Gesellschaft und den damit verbundenen neuen Anforderungen an Familien, die man in den letzten Jahren beobachten kann. Dies belegen auch die „nüchternen Zahlen der Erziehungshilfen“, die stetig steigen.

 

 

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